Museum Folkwang
Fragmento Brasil / Vom Ursprung der Tischsitten
  • Lothar Baumgarten
  • Fragmento Brasil / Vom Ursprung der Tischsitten, 1971 / 2005

  • Gedeckter Tisch und Lichtbildprojektion mit 648 Lichtbildern zu drei Projektionspaaren jeweils 162 Motiven synchron projiziert. Zwei weitere Einzelprojektionen mit je 81 Lichtbildern
    Tisch, Tischtuch, Stoffservietten, Teller, Gläser, Stachelschweinborsten, Vogelfedern, Projektoren, Dias
  • Objektmaß Maße variabel
    Objektmaß variable measures
  • Erworben 2009 mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen und des Folkwang-Museumsvereins
  • Inv.-Nr. P 313
  • Text zum WerkLothar Baumgarten betreibt seine künstlerische Arbeit als Spurensicherung und anthropologische Forschung. Er bedient sich verschiedener Medien, die er häufig auch kombiniert und in wechselnden Konstellationen wiederverwendet: Objekte, Film, Fotografie, Typografie, Text, Druckgrafik, Hörstücke/Audiokunst und Zeichnung.
    Baumgarten antwortet mit seiner Kunst auf die gewaltsame Aneignung einer unbekannten, vermeintlich namenlosen und deshalb vorgeblich frei verfügbaren Welt durch politische und wirtschaftliche Mächte. Ein Schlüsselerlebnis war für den Künstler der 18-monatige Aufenthalt bei den Yanomami des oberen Orinoco (1978/1979). Er wurde Teilhaber ihrer Kultur, die zu diesem Zeitpunkt bereits von der fortschreitenden Vernichtung des Lebensraums der Yanomami in ihrem Fortbestand bedroht war. Baumgartens Motivation für diesen Aufenthalt war seine Überzeugung, dass er nur von einem exzentrischen Blickpunkt aus – von Außen – ein klares Verhältnis zur eigenen Kultur gewinnen konnte.

    Der Tisch und die gemeinsame Mahlzeit sind für soziale Gruppen ein Versammlungsort, an dem sie ihre eigenen Regeln einüben, weitergeben und zur Schau stellen. Tischsitten und Kochtechniken sind Distinktionsmerkmale, sie konstituieren soziale und kulturelle Unterschiede. Indem Baumgarten anstelle der erwarteten Bestecke Stachelschweinborsten und Vogelfedern neben die Gedecke legt, stiftet er mittels ihrer formalen Analogien eine Anschaulichkeit, die den Dualismus von Kultur und Natur, Zivilisation und Wildnis, Bildung und Unbildung, egalisiert und diese Kategorien für eine neue Verwendung in einem anderen Denken freisetzt. Es gibt eine dialogische Struktur, die weder ein ›richtig‹ oder ›falsch‹, noch ein ›gut‹ oder ›böse‹ behauptet.

    Die Installation ›Fragmento Brasil / Vom Ursprung der Tischsitten‹ besteht aus einem Tisch mit Tischtuch, vier Gedecken aus Porzellan, Stoffservietten sowie Stachelschweinborsten und Arafedern anstelle von Besteck, außerdem Projektoren und Lichtbildern, die Ausschnitte aus Gemälden des niederländischen Malers Albert Eckhout, Zeichnungen der Yanomami sowie von Baumgarten selbst in Südamerika aufgenommene Fotografien zeigen.

    Albert Eckhout (ca. 1607 – ca. 1666) begleitete den späteren Statthalter Johann Moritz von Nassau-Siegen auf einer Südamerika-Expedition, die dem Fürsten in Europa hohes Ansehen und den Ehrentitel »der Brasilianer« einbrachte. Die von Eckhout mit großer Sorgfalt und merkbarem Respekt vor der Andersartigkeit der ihm fremden Fauna geschaffenen Gemälde wurden nach seiner Rückkehr zu Bildvorlagen für allegorische Illustrationen und repräsentative Dekorationen verwendet, die der Verherrlichung des europäischen Weltherrschaftsanspruchs dienten
    Den Lichtbildern dieser Gemälde stellt Baumgarten Zeichnungen und Aquarelle der Yanomami zur Seite, die diese auf einem für sie bis dahin unbekannten Material schufen – dem von Baumgarten auf seiner Reise mitgeführten Papier.
    Diese Blätter sowie die Fotografien des Künstlers sind ihrerseits die bildliche Überlieferung einer interkulturellen Begegnung – allerdings vollzog sie sich gänzlich anders als vor 350 Jahren.
  • Obj_Id: 1'029'359
  • Obj_Internet_S: ja
  • Obj_Ownership_S (Verantw):Malerei, Skulptur, Medienkunst
  • Obj_SpareNField01_N (Verantw): 231
  • Obj_Creditline_S: Museum Folkwang, Essen, Medienkunst
  • Obj_Title1_S: Fragmento Brasil / Vom Ursprung der Tischsitten
  • Obj_Title2_S:
  • Obj_PartDescription_S (Titelerg):
  • Obj_SpareMField01_M (Alle Titel): Fragmento Brasil / Vom Ursprung der Tischsitten Fragment of Brasil / On the Origins of Table Manners Fragmento Brasil / Vom Ursprung der Tischsitten
  • Obj_Dating_S: 1971 / 2005
  • Jahr von: 1'971
  • Jahr bis: 2'005
  • Obj_IdentNr_S: P 313
  • Obj_IdentNrSort_S: P 313
  • Obj_Classification_S (Objtyp): Installation
  • Obj_Crate_S: Objektmaß Maße variabel
    Objektmaß variable measures
  • Obj_Material_S: Gedeckter Tisch und Lichtbildprojektion mit 648 Lichtbildern zu drei Projektionspaaren jeweils 162 Motiven synchron projiziert. Zwei weitere Einzelprojektionen mit je 81 Lichtbildern
    Tisch, Tischtuch, Stoffservietten, Teller, Gläser, Stachelschweinborsten, Vogelfedern, Projektoren, Dias
  • Obj_Technique_S:
  • Obj_SpareSField01_S (Mat./Tech.): Gedeckter Tisch und Lichtbildprojektion mit 648 Lichtbildern zu drei Projektionspaaren jeweils 162 Motiven synchron projiziert. Zwei weitere Einzelprojektionen mit je 81 Lichtbildern
    Tisch, Tischtuch, Stoffservietten, Teller, Gläser, Stachelschweinborsten, Vogelfedern, Projektoren, Dias
  • Obj_AccNote_S (Erwerb): Erworben 2009 mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen und des Folkwang-Museumsvereins
  • Obj_PermanentLocation_S (Standort): Ausstellung Intern: Sammlung 20. und 21. Jahrhundert, Neubau
  • Obj_Condition1_S (Druckerei):
  • Obj_Condition2_S (Auflage):
  • Obj_Subtype_S (Genre):
  • Obj_Rights_S: © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Text zum Werk
Künstler

Lothar Baumgarten betreibt seine künstlerische Arbeit als Spurensicherung und anthropologische Forschung. Er bedient sich verschiedener Medien, die er häufig auch kombiniert und in wechselnden Konstellationen wiederverwendet: Objekte, Film, Fotografie, Typografie, Text, Druckgrafik, Hörstücke/Audiokunst und Zeichnung.
Baumgarten antwortet mit seiner Kunst auf die gewaltsame Aneignung einer unbekannten, vermeintlich namenlosen und deshalb vorgeblich frei verfügbaren Welt durch politische und wirtschaftliche Mächte. Ein Schlüsselerlebnis war für den Künstler der 18-monatige Aufenthalt bei den Yanomami des oberen Orinoco (1978/1979). Er wurde Teilhaber ihrer Kultur, die zu diesem Zeitpunkt bereits von der fortschreitenden Vernichtung des Lebensraums der Yanomami in ihrem Fortbestand bedroht war. Baumgartens Motivation für diesen Aufenthalt war seine Überzeugung, dass er nur von einem exzentrischen Blickpunkt aus – von Außen – ein klares Verhältnis zur eigenen Kultur gewinnen konnte.

Der Tisch und die gemeinsame Mahlzeit sind für soziale Gruppen ein Versammlungsort, an dem sie ihre eigenen Regeln einüben, weitergeben und zur Schau stellen. Tischsitten und Kochtechniken sind Distinktionsmerkmale, sie konstituieren soziale und kulturelle Unterschiede. Indem Baumgarten anstelle der erwarteten Bestecke Stachelschweinborsten und Vogelfedern neben die Gedecke legt, stiftet er mittels ihrer formalen Analogien eine Anschaulichkeit, die den Dualismus von Kultur und Natur, Zivilisation und Wildnis, Bildung und Unbildung, egalisiert und diese Kategorien für eine neue Verwendung in einem anderen Denken freisetzt. Es gibt eine dialogische Struktur, die weder ein ›richtig‹ oder ›falsch‹, noch ein ›gut‹ oder ›böse‹ behauptet.

Die Installation ›Fragmento Brasil / Vom Ursprung der Tischsitten‹ besteht aus einem Tisch mit Tischtuch, vier Gedecken aus Porzellan, Stoffservietten sowie Stachelschweinborsten und Arafedern anstelle von Besteck, außerdem Projektoren und Lichtbildern, die Ausschnitte aus Gemälden des niederländischen Malers Albert Eckhout, Zeichnungen der Yanomami sowie von Baumgarten selbst in Südamerika aufgenommene Fotografien zeigen.

Albert Eckhout (ca. 1607 – ca. 1666) begleitete den späteren Statthalter Johann Moritz von Nassau-Siegen auf einer Südamerika-Expedition, die dem Fürsten in Europa hohes Ansehen und den Ehrentitel »der Brasilianer« einbrachte. Die von Eckhout mit großer Sorgfalt und merkbarem Respekt vor der Andersartigkeit der ihm fremden Fauna geschaffenen Gemälde wurden nach seiner Rückkehr zu Bildvorlagen für allegorische Illustrationen und repräsentative Dekorationen verwendet, die der Verherrlichung des europäischen Weltherrschaftsanspruchs dienten
Den Lichtbildern dieser Gemälde stellt Baumgarten Zeichnungen und Aquarelle der Yanomami zur Seite, die diese auf einem für sie bis dahin unbekannten Material schufen – dem von Baumgarten auf seiner Reise mitgeführten Papier.
Diese Blätter sowie die Fotografien des Künstlers sind ihrerseits die bildliche Überlieferung einer interkulturellen Begegnung – allerdings vollzog sie sich gänzlich anders als vor 350 Jahren.