Museum Folkwang
Tankstelle Martin Bormann
  • Martin Kippenberger
  • Tankstelle Martin Bormann, 1986

  • Installation mit drei Skulpturen und 40 Tondi
  • Erworben 2010 mit Unterstützung der Cassiopeia Foundation gGmbH
  • Inv.-Nr. P 314
  • Text zum WerkDie Installation ›Tankstelle Martin Bormann‹ markiert einen Wendepunkt im Werk Martin Kippenbergers, der mit dieser Arbeit 1987 im Hessischen Landesmuseum seine erste Installation realisierte. In ihr finden sich viele Verweise auf seine Brasilienreise, die er zuvor von 1985 bis 1986 unternommen hatte. Was als eine ausgelassene Vergnügungsreise mit Malerfreunden begonnen hatte, wurde zu einem intensiven Erlebnis eines fremden Landes. Hinter der scheinbar plakativ-trashigen Oberfläche der Installation findet sich die Vielschichtigkeit des künstlerischen Arbeitens Kippenbergers.
    Der Künstler hat selbst an der Mythisierung seiner Reise gewirkt. Neben exzessiven Berichten von durchzechten Nächten am Strand gehört dazu auch die ›Tankstelle Martin Bormann‹. Kippenberger begab sich in Brasilien auf die Suche nach einem anderen berüchtigten Deutschen. Von Martin Bormann, einem engen Mitarbeiter Adolf Hitlers, glaubte man bis 1972, er wäre wie andere NS-Funktionäre nach Südamerika geflohen und sei dort untergetaucht. An einer Meerespromenade fand Kippenberger eine verfallene Tankstelle, die er kaufte und nach dem NS-Verbrecher benannte. Freunde haben berichtet, dass der Tankstellenwart bei Anrufen mit »hier Tankstelle Martin Bormann« antwortete. Das Gebäude wirkt wie ein Filmset und verweist auf den Sexfilm ›Supervixons‹ des Regisseurs Russ Meyer (1975).
    Das ironisch, absurde Spiel des Regisseurs mit Klischees hat Kippenberger fasziniert, der es liebte, sich als Macho zu inszenieren und das Künstlerklischee zu übersteigern. So bezog er den Satz »Brasilien ist rund« von Oskar Niemeyer auch auf die Brüste der brasilianischen Frauen – wie der Architekt übrigens auch. Diese Frauen tauchen als Motiv in den Drucken auf den Kartons der Plastik ›Baumaßnahme‹ wieder auf. Es handelt sich nicht um bedruckte Warenkartons, sondern der Künstler stellte die Siebdrucke nach brasilianischen Vorlagen her. Die rundliche Frauenfigur hat in der brasilianischen Kultur eine beinahe mystische Bedeutung. Sie nimmt in dem synkretistischen Umbanda-Glauben eine zentrale Stellung ein. Aber auch die anderen Druckmotive spielen auf diesen Glauben an, der sich aus afrikanischen und brasilianischen Religionen und dem Christentum gebildet hat. Umbanda ist der Glauben der Unterdrückten, die mit Rauchpyramiden Geister beschwören, damit ihnen ein Geldregen beschert wird. Von diesem Reichtum hat auch Kippenberger immer wieder geträumt, der viel wertloses brasilianisches Geld in die zweite Plastik ›Rückenschwimmer – War Gott ein Stümper‹ integriert hat. Wie eine Favelahütte aus billigen Pappkartons gebaut, erinnert die Figur an den segnenden Christus auf dem Zuckerhut von Rio de Janeiro – kurz bevor er springt.
    Die zweite ikonoklastische Geste richtet sich gegen die Kunst selbst. Die bemalten ›Tondi‹ wirken wie Persiflagen auf Gemälde des Konstruktivismus. Die runden Bilder auf Wellpappe sind zugleich Zeichen aus der Geheimsprache des Umbanda, Fluch- und Zauberformeln. Welche Geister beschwört hier Martin Kippenberger? In seiner zweiten Präsentation der Arbeit hat er dazu ein klares Statement abgegeben: Das Ende der Avantgarde. Dafür schnitt er eine Tür in das Foto der ›Tankstelle Martin Bormann‹, durch die man in eine Ausstellung wilder Parodien auf die Ikonen der Moderne trat. Hat Bormann die Moderne unmöglich gemacht, lässt sich Kunst nach 1945 nur noch ironisch reflektieren?
    Die Installation macht nicht nur die versteckten, komplexen Gedanken Martin Kippenbergers sichtbar, in ihr findet sich auch der in den 1980er Jahren geführte Diskurs über die Postmoderne konzentriert wieder. Die Generation nach 1968 erkannte, dass nahtloses Wiederanknüpfen an die klassische Moderne und Autorität jeglicher Art durch das Regime des Nationalsozialismus unmöglich geworden war. Glaubten manche sich in der Zukunftslosigkeit der Postmoderne gemütlich einrichten zu können, reagierten Künstler auf die drohende Endlosigkeit der ›Posthistorie‹ mit Ironie und Sarkasmus. Hinter dem Wohlstand der 1980er Jahre verbarg sich noch eine andere Welt, wie Kippenberger auf seiner Reise nach Brasilien, ins Land der Billigreisen und der Hyperinflation, feststellen musste. Mit der ›Tankstelle Martin Bormann‹ zog der Trickser Martin Kippenberger seiner Zeit den Boden unter den Füßen weg. ›War Gott ein Stümper‹
  • Obj_Id: 1'034'729
  • Obj_Internet_S: ja
  • Obj_Ownership_S (Verantw):Malerei, Skulptur, Medienkunst
  • Obj_SpareNField01_N (Verantw): 188
  • Obj_Creditline_S: Skulpturensammlung
  • Obj_Title1_S: Tankstelle Martin Bormann
  • Obj_Title2_S:
  • Obj_PartDescription_S (Titelerg):
  • Obj_SpareMField01_M (Alle Titel): Tankstelle Martin Bormann Tankstelle Martin Bormann
  • Obj_Dating_S: 1986
  • Jahr von: 1'986
  • Jahr bis: 1'986
  • Obj_IdentNr_S: P 314
  • Obj_IdentNrSort_S: P 314
  • Obj_Classification_S (Objtyp): Installation
  • Obj_Crate_S:
  • Obj_Material_S: Installation mit drei Skulpturen und 40 Tondi
  • Obj_Technique_S:
  • Obj_SpareSField01_S (Mat./Tech.): Installation mit drei Skulpturen und 40 Tondi
  • Obj_AccNote_S (Erwerb): Erworben 2010 mit Unterstützung der Cassiopeia Foundation gGmbH
  • Obj_PermanentLocation_S (Standort): Ausstellung Intern: Sammlung 20. und 21. Jahrhundert, Neubau
  • Obj_Condition1_S (Druckerei):
  • Obj_Condition2_S (Auflage):
  • Obj_Subtype_S (Genre):
  • Obj_Rights_S: © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain , Cologne
    Foto: Museum Folkwang
Text zum Werk
Künstler

Die Installation ›Tankstelle Martin Bormann‹ markiert einen Wendepunkt im Werk Martin Kippenbergers, der mit dieser Arbeit 1987 im Hessischen Landesmuseum seine erste Installation realisierte. In ihr finden sich viele Verweise auf seine Brasilienreise, die er zuvor von 1985 bis 1986 unternommen hatte. Was als eine ausgelassene Vergnügungsreise mit Malerfreunden begonnen hatte, wurde zu einem intensiven Erlebnis eines fremden Landes. Hinter der scheinbar plakativ-trashigen Oberfläche der Installation findet sich die Vielschichtigkeit des künstlerischen Arbeitens Kippenbergers.
Der Künstler hat selbst an der Mythisierung seiner Reise gewirkt. Neben exzessiven Berichten von durchzechten Nächten am Strand gehört dazu auch die ›Tankstelle Martin Bormann‹. Kippenberger begab sich in Brasilien auf die Suche nach einem anderen berüchtigten Deutschen. Von Martin Bormann, einem engen Mitarbeiter Adolf Hitlers, glaubte man bis 1972, er wäre wie andere NS-Funktionäre nach Südamerika geflohen und sei dort untergetaucht. An einer Meerespromenade fand Kippenberger eine verfallene Tankstelle, die er kaufte und nach dem NS-Verbrecher benannte. Freunde haben berichtet, dass der Tankstellenwart bei Anrufen mit »hier Tankstelle Martin Bormann« antwortete. Das Gebäude wirkt wie ein Filmset und verweist auf den Sexfilm ›Supervixons‹ des Regisseurs Russ Meyer (1975).
Das ironisch, absurde Spiel des Regisseurs mit Klischees hat Kippenberger fasziniert, der es liebte, sich als Macho zu inszenieren und das Künstlerklischee zu übersteigern. So bezog er den Satz »Brasilien ist rund« von Oskar Niemeyer auch auf die Brüste der brasilianischen Frauen – wie der Architekt übrigens auch. Diese Frauen tauchen als Motiv in den Drucken auf den Kartons der Plastik ›Baumaßnahme‹ wieder auf. Es handelt sich nicht um bedruckte Warenkartons, sondern der Künstler stellte die Siebdrucke nach brasilianischen Vorlagen her. Die rundliche Frauenfigur hat in der brasilianischen Kultur eine beinahe mystische Bedeutung. Sie nimmt in dem synkretistischen Umbanda-Glauben eine zentrale Stellung ein. Aber auch die anderen Druckmotive spielen auf diesen Glauben an, der sich aus afrikanischen und brasilianischen Religionen und dem Christentum gebildet hat. Umbanda ist der Glauben der Unterdrückten, die mit Rauchpyramiden Geister beschwören, damit ihnen ein Geldregen beschert wird. Von diesem Reichtum hat auch Kippenberger immer wieder geträumt, der viel wertloses brasilianisches Geld in die zweite Plastik ›Rückenschwimmer – War Gott ein Stümper‹ integriert hat. Wie eine Favelahütte aus billigen Pappkartons gebaut, erinnert die Figur an den segnenden Christus auf dem Zuckerhut von Rio de Janeiro – kurz bevor er springt.
Die zweite ikonoklastische Geste richtet sich gegen die Kunst selbst. Die bemalten ›Tondi‹ wirken wie Persiflagen auf Gemälde des Konstruktivismus. Die runden Bilder auf Wellpappe sind zugleich Zeichen aus der Geheimsprache des Umbanda, Fluch- und Zauberformeln. Welche Geister beschwört hier Martin Kippenberger? In seiner zweiten Präsentation der Arbeit hat er dazu ein klares Statement abgegeben: Das Ende der Avantgarde. Dafür schnitt er eine Tür in das Foto der ›Tankstelle Martin Bormann‹, durch die man in eine Ausstellung wilder Parodien auf die Ikonen der Moderne trat. Hat Bormann die Moderne unmöglich gemacht, lässt sich Kunst nach 1945 nur noch ironisch reflektieren?
Die Installation macht nicht nur die versteckten, komplexen Gedanken Martin Kippenbergers sichtbar, in ihr findet sich auch der in den 1980er Jahren geführte Diskurs über die Postmoderne konzentriert wieder. Die Generation nach 1968 erkannte, dass nahtloses Wiederanknüpfen an die klassische Moderne und Autorität jeglicher Art durch das Regime des Nationalsozialismus unmöglich geworden war. Glaubten manche sich in der Zukunftslosigkeit der Postmoderne gemütlich einrichten zu können, reagierten Künstler auf die drohende Endlosigkeit der ›Posthistorie‹ mit Ironie und Sarkasmus. Hinter dem Wohlstand der 1980er Jahre verbarg sich noch eine andere Welt, wie Kippenberger auf seiner Reise nach Brasilien, ins Land der Billigreisen und der Hyperinflation, feststellen musste. Mit der ›Tankstelle Martin Bormann‹ zog der Trickser Martin Kippenberger seiner Zeit den Boden unter den Füßen weg. ›War Gott ein Stümper‹