Museum Folkwang
Der Sturm / Neue Nummer
  • Oskar Kokoschka
  • Der Sturm / Neue Nummer, 1910/1911

  • [Werbung für die Zeitschrift ›Der Sturm‹]
  • Farblithographie
  • 68 x 46 cm
  • Druckerei Kunstanstalt Arnold Weylandt, Berlin
  • Erworben 2010 mit Unterstützung des Folkwang-Museumsvereins
  • Inv.-Nr. DPM 21968
  • Text zum WerkDie Zeitschrift ›Der Sturm‹
    Als am 3. März 1910 die erste Nummer des ›Sturm‹ (hrsg. von Herwarth Walden), erschien, ahnte niemand, dass sich die Zeitschrift (neben ›Die Aktion‹, hrsg. von Franz Pfempfert) zur wichtigsten avantgardistischen Kunstzeitschrift ihrer Zeit entwickeln würde. Bis 1932 wurden Themen aus Literatur, Musik und Bildender Kunst besprochen, wesentlich aus dem Blickwinkel der Förderung neuer Kunstströmungen, insbesondere des Expressionismus. Walden etablierte darüber hinaus den Namen ›Der Sturm‹ als Dachmarke für verschiedene Aktivitäten und Initiativen: eine Galerie (seit 1912), eine Kunstschule unter der Leitung von Georg Muche (seit 1916), eine Bühne (seit 1918) sowie eine Buchhandlung, in der ›Sturm-Abende‹ (Lesungen) veranstaltet wurden. Kokoschka wurde zu einem wesentlichen Illustrator und Autor, vor allem in den frühen Nummern der Zeitschrift, deren »Wiener Schriftleitung« er im Jahre 1911 übernahm.

    Das Plakat
    Ein geschundener Mensch zeigt auf eine Wunde in seinem Brustkorb. Das für eine Zeitschriftenwerbung überraschende Motiv entspricht der expressionistische Haltung, nicht nach dem äußeren Anschein zu gehen, sondern die innere Befindlichkeit zum Thema zu machen. Kokoschka nutzt hier ein Selbstportrait als Schmerzensmann als Vehikel für die in der Zeitschrift beförderten Ideen von einer neuen Kunst.

    Kokoschka war einer der Avantgardekünstler in Wien nach 1900, die sich ständigen Anfeindungen durch die bürgerliche Presse gegenüber sah. Schmähungen, Beleidigungen und Verleumdungen prasselten auf ihn hernieder. Dieses Schicksal teilte er vor allem mit Egon Schiele (1890-1918). Kokoschka konterte in der Öffentlichkeit immer wieder mit schockierenden und provozierenden Bildern und Aktionen. Dazu gehörten neben seinen Bildern auch Theaterstücke, wie etwa ›Mörder Hoffnung der Frauen‹, das im ›Sommertheater in der Kunstschau‹, Wien, 1909 Prämiere hatte. Die Karten für das Theaterstück waren binnen Stunden ausverkauft – denn der Wiener wittert den Skandal lange bevor er eintritt. Plakat und Stück schließlich werden in gewohnter Form öffentlich verrissen, ein Reflex, auf den sich Kokoschka verlassen konnte. Man beschimpfte ihn als degenerierten Künstler, als Bürgerschreck, Jugendverderber und Zuchthauspflanze.

    Da sich Kokoschka wie ein Verbrecher, zumindest aber als Ausgestoßener behandelt fühlte, wollte er dies durch sein Aussehen manifestieren: er ließ sich den Kopf kahl scheren. In diesem Zustand entstand 1910 die Vorzeichnung für das Plakat (Der Entwurf für das Plakat in Öl befindet sich im Museum der schönen Künste, Budapest). Mit der Darstellung als Schmerzensmann bediente sich Kokoschka der christlichen Ikonografie.
    Kokoschka dazu: »Damals zeichnete ich für eine neue Nummer des ›Sturm‹ ein Plakat, ein Selbstbildnis vor rotem Hintergrund, das ich am 26. Januar 1912 für meinen Vortrag ›Das Bewusstsein der Gesichte‹ in einer Veranstaltung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik in Wien abermals mit anderem Aufdruck benützt habe. Das Plakat zeigt mich mit kahlgeschorenem Schädel wie ein Sträfling und mit dem Finger auf eine Wunde meiner Brust zeigend; es war als Vorwurf an die Wiener gerichtet; doch einige Jahre später im Krieg hat mir ein russisches Bajonett richtig an dieser Stelle die Lunge durchstochen.«

    Das Plakat gehört in eine kleine Gruppe von frühen expressionistischen Plakaten von Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein und Max Oppenheimer, die eine Zäsur in der Plakatgeschichte bilden. Darüber hinaus ist Kokoschka seit 1910 mit dem Museum Folkwang verbunden. Osthaus richtete ihm in diesem Jahr eine große monografische Ausstellung in Hagen aus. Eine weitere Version des Plakats befindet in der Osthaus-Sammlung des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe, die sich heute im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld befindet. Das Plakat ›Der Sturm / Neue Nummer‹ ergänzt die vorhandene Sammlung von Kokoschkas Arbeiten im Museum Folkwang um ein wichtiges expressionistisches Zeugnis.

    Das expressionistische Plakat erlebte, zusammen mit dem expressionistischen Film und dem Ausdruckstanz, seine Blütezeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg.
  • Provenienz2010, Weigelt Auktion 70, Kat.-Nr. 96
    2010, Deutsches Plakat Museum im Museum Folkwang
  • Obj_Id: 1'035'877
  • Obj_Internet_S: Highlight
  • Obj_Ownership_S (Verantw):Deutsches Plakat Museum
  • Obj_SpareNField01_N (Verantw): 242
  • Obj_Creditline_S:
  • Obj_Title1_S: Der Sturm / Neue Nummer
  • Obj_Title2_S:
  • Obj_PartDescription_S (Titelerg): [Werbung für die Zeitschrift ›Der Sturm‹]
  • Obj_SpareMField01_M (Alle Titel): Der Sturm / Neue Nummer Der Sturm / New Issue Der Sturm / Neue Nummer [Werbung für die Zeitschrift ›Der Sturm‹]
  • Obj_Dating_S: 1910/1911
  • Jahr von: 1'910
  • Jahr bis: 1'911
  • Obj_IdentNr_S: DPM 21968
  • Obj_IdentNrSort_S: DPM 21968
  • Obj_Classification_S (Objtyp): Plakat
  • Obj_Crate_S: 68 x 46 cm
  • Obj_Material_S: Farblithographie
  • Obj_Technique_S:
  • Obj_SpareSField01_S (Mat./Tech.): Farblithographie
  • Obj_AccNote_S (Erwerb): Erworben 2010 mit Unterstützung des Folkwang-Museumsvereins
  • Obj_PermanentLocation_S (Standort):
  • Obj_Condition1_S (Druckerei): Kunstanstalt Arnold Weylandt, Berlin
  • Obj_Condition2_S (Auflage):
  • Obj_Subtype_S (Genre):
  • Obj_Rights_S: © Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Text zum Werk
Künstler
Provenienz

Die Zeitschrift ›Der Sturm‹
Als am 3. März 1910 die erste Nummer des ›Sturm‹ (hrsg. von Herwarth Walden), erschien, ahnte niemand, dass sich die Zeitschrift (neben ›Die Aktion‹, hrsg. von Franz Pfempfert) zur wichtigsten avantgardistischen Kunstzeitschrift ihrer Zeit entwickeln würde. Bis 1932 wurden Themen aus Literatur, Musik und Bildender Kunst besprochen, wesentlich aus dem Blickwinkel der Förderung neuer Kunstströmungen, insbesondere des Expressionismus. Walden etablierte darüber hinaus den Namen ›Der Sturm‹ als Dachmarke für verschiedene Aktivitäten und Initiativen: eine Galerie (seit 1912), eine Kunstschule unter der Leitung von Georg Muche (seit 1916), eine Bühne (seit 1918) sowie eine Buchhandlung, in der ›Sturm-Abende‹ (Lesungen) veranstaltet wurden. Kokoschka wurde zu einem wesentlichen Illustrator und Autor, vor allem in den frühen Nummern der Zeitschrift, deren »Wiener Schriftleitung« er im Jahre 1911 übernahm.

Das Plakat
Ein geschundener Mensch zeigt auf eine Wunde in seinem Brustkorb. Das für eine Zeitschriftenwerbung überraschende Motiv entspricht der expressionistische Haltung, nicht nach dem äußeren Anschein zu gehen, sondern die innere Befindlichkeit zum Thema zu machen. Kokoschka nutzt hier ein Selbstportrait als Schmerzensmann als Vehikel für die in der Zeitschrift beförderten Ideen von einer neuen Kunst.

Kokoschka war einer der Avantgardekünstler in Wien nach 1900, die sich ständigen Anfeindungen durch die bürgerliche Presse gegenüber sah. Schmähungen, Beleidigungen und Verleumdungen prasselten auf ihn hernieder. Dieses Schicksal teilte er vor allem mit Egon Schiele (1890-1918). Kokoschka konterte in der Öffentlichkeit immer wieder mit schockierenden und provozierenden Bildern und Aktionen. Dazu gehörten neben seinen Bildern auch Theaterstücke, wie etwa ›Mörder Hoffnung der Frauen‹, das im ›Sommertheater in der Kunstschau‹, Wien, 1909 Prämiere hatte. Die Karten für das Theaterstück waren binnen Stunden ausverkauft – denn der Wiener wittert den Skandal lange bevor er eintritt. Plakat und Stück schließlich werden in gewohnter Form öffentlich verrissen, ein Reflex, auf den sich Kokoschka verlassen konnte. Man beschimpfte ihn als degenerierten Künstler, als Bürgerschreck, Jugendverderber und Zuchthauspflanze.

Da sich Kokoschka wie ein Verbrecher, zumindest aber als Ausgestoßener behandelt fühlte, wollte er dies durch sein Aussehen manifestieren: er ließ sich den Kopf kahl scheren. In diesem Zustand entstand 1910 die Vorzeichnung für das Plakat (Der Entwurf für das Plakat in Öl befindet sich im Museum der schönen Künste, Budapest). Mit der Darstellung als Schmerzensmann bediente sich Kokoschka der christlichen Ikonografie.
Kokoschka dazu: »Damals zeichnete ich für eine neue Nummer des ›Sturm‹ ein Plakat, ein Selbstbildnis vor rotem Hintergrund, das ich am 26. Januar 1912 für meinen Vortrag ›Das Bewusstsein der Gesichte‹ in einer Veranstaltung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik in Wien abermals mit anderem Aufdruck benützt habe. Das Plakat zeigt mich mit kahlgeschorenem Schädel wie ein Sträfling und mit dem Finger auf eine Wunde meiner Brust zeigend; es war als Vorwurf an die Wiener gerichtet; doch einige Jahre später im Krieg hat mir ein russisches Bajonett richtig an dieser Stelle die Lunge durchstochen.«

Das Plakat gehört in eine kleine Gruppe von frühen expressionistischen Plakaten von Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein und Max Oppenheimer, die eine Zäsur in der Plakatgeschichte bilden. Darüber hinaus ist Kokoschka seit 1910 mit dem Museum Folkwang verbunden. Osthaus richtete ihm in diesem Jahr eine große monografische Ausstellung in Hagen aus. Eine weitere Version des Plakats befindet in der Osthaus-Sammlung des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe, die sich heute im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld befindet. Das Plakat ›Der Sturm / Neue Nummer‹ ergänzt die vorhandene Sammlung von Kokoschkas Arbeiten im Museum Folkwang um ein wichtiges expressionistisches Zeugnis.

Das expressionistische Plakat erlebte, zusammen mit dem expressionistischen Film und dem Ausdruckstanz, seine Blütezeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg.