Museum Folkwang
  • Aristide Maillol: ›Jeune fille debout‹, 1902

  • Die vollplastisch gearbeitete, 72 cm hohe Holzplastik ›Jeune fille debout‹ variiert eine ebenfalls bekleidet dargestellte Frauenfigur, die nach Aussagen von Maillol seine erste Holzskulptur war. Sie gehört damit zu den frühesten Zeugnissen der außerordentlichen Begabung dieses Künstlers, der zu den bedeutendsten Bildhauern der Klassischen Moderne gehört. Die Skulptur stammt aus dem Nachlass des Gründers des Museum Folkwang, Karl Ernst Osthaus.

    Maillol hatte zunächst als Maler begonnen und sich erst um 1895 für die Bildhauerei entschieden. Die wenigen erhaltenen frühen Holzfiguren des Künstlers zeigen alle denselben weiblichen Phänotypus und sehr ähnliche oder verwandte Standmotive. Eine junge Frau mit schlankem, aber etwas gedrungen wirkendem Körper steht mit geschlossenen Beinen im leichten Kontrapost, die Arme nahe am Körper. Das runde Köpfchen auf recht kurzem rundlichem Hals bewegt sich sanft über der Körperachse. Die geschlossene Kontur und der Ausgleich der Bewegungsverteilung verleiht auch den kleinen Figuren dieses Künstlers eine stille Monumentalität. Im Kontext dieses frühen bildhauerischen Werkes von Maillol stellt die Essener Figur eine der einprägsamsten und originellsten Formulierungen dar, nutzt Maillol bei ihr doch das Gewand und die kontrapunktische Variation der Haltungen von Armen und Beinen, um den Eindruck selbstbewusster Balance zu vermitteln. Die ›Jeune fille debout‹ enthält in nuce alle wichtigen Anliegen des plastischen Konzepts Maillols, seiner spezifischen Auffassung der Standfigur: Nicht nur die Vorliebe für den Typus der im Verhältnis zum klassischen Kanon etwas üppigeren und festeren weiblichen Physis sondern auch die völlig in sich ruhende Standfigur, deren Bewegungsimpulse die zentrale Körperachse umspielen bzw. die zentripetalen und -fugalen Energien in der und zur Figurenmitte ausbalancieren.

    In der Zusammenschau mit den in der Sammlung befindlichen Werke von Auguste Rodin, Wilhelm Lehmbruck und Alexander Archipenko, die im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert ebenfalls in Frankreich tätig waren, wird hier eine entscheidende Umbruchphase der frühmodernen Skulptur anschaulich, die bereits von Osthaus selbst aufmerksam wahrgenommen wurde: Seine wichtigsten Erwerbungen auf diesem Gebiet, neben den genannten auch Werke von George Minne und Medardo Rosso, datieren aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

    Karl Ernst Osthaus und seine Frau Gertrud waren bei einem ihrer zahlreichen Besuche in Paris zufällig auf den Bildhauer Aristide Maillol aufmerksam geworden. Gertrud Osthaus hat darüber rückblickend berichtet: »Man war zum Zwecke von Gauguin-Erwerbungen bei Vollard, als die Figur durch den Laden getragen wurde. Der Anblick berührte das Ehepaar so, dass es dem Hersteller sofort nachspürte, und damit begann ein jahrelanger persönlicher Kontakt zu Maillol.« Die ›Jeune fille debout‹ wurde spätestens Anfang 1904 von Osthaus und seiner Frau über die Pariser Galerie Ambroise Vollard erworben. In einem am 19. Oktober 1904 erschienenen Zeitungsartikel informierte Karl Ernst Osthaus die Öffentlichkeit über die Neuerwerbung, die zunächst im Museum Folkwang, später dann in seinem Hagener Wohnhaus Hohenhof Aufstellung fand.
    Osthaus kaufte in der Folge weitere Werke des Bildhauers für seine Sammlung an. Wohl noch im gleichen Jahr erwarb er die Terrakottafigur ›Jeune fille agenouillée‹ und spätestens 1908 gelangte die Bronzeplastik ›Baigneuse sans bras‹ (um 1905) nach Hagen und im Jahr darauf einen früher Guss des ›Le coureur cycliste‹ (1907/08). Osthaus hatte Maillol 1905 zudem mit einer Steinskulptur für den Garten des Hohenhofs beauftragt, wo das Werk mit dem Titel ›Sérénité‹ 1908 aufgestellt wurde. Nach dem Tode Karl Ernst Osthaus’ 1921 wurde die Folkwang-Sammlung nach Essen verkauft. Aus der Gruppe der Werke Maillols gelangte damals allerdings nur ›Le coureur cycliste‹ in das neue Museum Folkwang. Die anderen Werke dieses Künstlers sowie mit einige wenige weitere Bildwerke hatte Gertrud Osthaus von dem Verkauf ausgenommen. Tatsächlich verblieb diese Figur bis zum Tod der Sammlerin 1975 in ihrem Besitz. Aus dem Kreis der Familie und ihres Umfeldes, in deren Eigentum die Figur sich danach befand, konnte sie schließlich im Jahr 2011 für das Museum Folkwang erworben werden.
  • Exh_Title_S: Aristide Maillol: ›Jeune fille debout‹, 1902
  • Exh_Id: 101'595
  • Exh_Comment_S (Verantw): Malerei, Skulptur, Medienkunst
  • Exh_SpareNField01_N (Verantw ID): 188
Werke
Jeune fille debout
L'âge d'airain
Ève
Stehende weibliche Figur oder Grosse Stehende
Kleiner Frauentorso, sog. Hagener Torso
Torse tournant
L’homme à l’outre
La fontaine aux agenouillés
Bambino al sole
Bambino ebreo
Le coureur cycliste