Museum Folkwang
  • Chronologische Einblicke in die Fotografische Sammlung – Zeitgenössische Fotografie seit den 1980er Jahren

  • Ende der 1970er Jahre widmeten sich private und öffentliche deutsche Institutionen zunehmend dem Sammeln und Ausstellen von Fotografie. Die ständig wachsenden Möglichkeiten unabhängig von konkreten Auftragsverpflichtungen auszustellen, zu veröffentlichen und zu verkaufen, wirkten sich seit den 1980er Jahren grundlegend auf die Arbeitsweise zahlreicher Künstler aus.


    Fotokonzeptkunst

    Anfang der 1980er Jahre bleibt das Erbe der Konzeptkunst spürbar. Künstler wie Hans-Peter Feldmann sahen in der Fotografie das geeignete Medium, um Autorschaft, Stil und Geniekult zu unterlaufen. So richtet sich Feldmanns Interesse vorrangig auf alltagskulturelle Bildformen wie Amateurfotografien, Postkarten, Zeitungsbilder und Plakate, die er zu umfangreichen Serien zusammenführt. Greift Hans-Peter Feldmann selbst zur Kamera, sorgt er sich wenig um fotografische Parameter wie Schärfe oder Tonwerte.
    Anders Ken Ohara : Die mehr als 500 anonymen Porträts des Fotobuchs ›One‹ von 1970 zeichnen sich durch strikte Reduktion des Bildausschnitts auf das Gesichtsfeld und durch eine gleichmäßige Belichtung aus. Individuelle Züge der auf den Straßen New Yorks Porträtierten gehen durch die vereinheitlichende Bildkonzeption nahezu verloren. Eine 50-teilige Serie hieraus wurde für die Fotografische Sammlung angekauft.


    Objektivität

    Abzug und Format werden spätestens Mitte der 1980er Jahre erneut Aufmerksamkeit geschenkt. Vergleicht man die kleinformatigen, dem Prinzip der Serie unterworfenen schwarz-weiß Fotografien von Bernd und Hilla Becher mit den großformatigen Farbfotografien, die später ihre Schüler realisieren werden, wird der Generationenwechsel unmittelbar sichtbar. Ihnen gemeinsam ist ein dokumentarisch-deskriptiver Ansatz, der konstanten Aufnahmebedingungen folgt. Deutlich wird diese Form der sachlichen Darstellung in den 40 kleinformatigen Porträts, die Thomas Ruff Anfang der 1980er Jahre im Umfeld der Kunstakademie Düsseldorf realisierte, oder in den Städtebildern von Thomas Struth und den Objektfotografien von Patrick Tosani.


    Subjektivität

    Beispiele einer Fotografie, die der abbildhaften Strenge zugunsten einer emotional bestimmten Wahrnehmung entsagen, findet man im Werk von Michael Schmidt. Ausgangspunkt seiner Arbeit ›Waffenruhe‹ ist der spürbare Konflikt der geteilten Stadt Berlin. Die ausschnitthaften schwarz-weiß-Fotografien des Künstlers, bezogen auf einen ihm vertrauten Ort, transferieren seinen subjektiven Bezug zur erfahrenen Wirklichkeit. Ähnlich stark geprägt von eigener Erfahrung ist die fotografische Auseinandersetzung Paul Grahams mit der Arbeitslosigkeit in Großbritannien. Seine Anwesenheit im Bild wird in den verkanteten Perspektiven und niedrigen Blickwinkeln sichtbar, die – in der Position der Wartenden – die soziale Realität vermitteln. Die in der Sammlung vertretenen Arbeiten von William Eggleston, Stephen Shore und Joel Sternfeld lassen auch den Einfluss auf die deutschen Fotografen wie Gosbert Adler und Joachim Brohm in der Sammlung nachvollziehbar werden.


    Dokumentarfotografie

    Dank der Wüstenrot Stiftung, die seit 1994 in Kooperation mit dem Museum Folkwang Stipendien für zeitgenössische Dokumentarfotografie vergibt, verfügt die Fotografische Sammlung über ein umfangreiches Konvolut zeitgenössischer Dokumentarfotografie, das Aufschluss gibt über aktuelle Formen der Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Dabei lassen sich Gemeinsamkeiten feststellen, vergleicht man zum Beispiel Tobias Zielonys Arbeitsweise mit der Paul Grahams. Beide reagieren auf die Frage, wie sich politische Themen ethisch angemessen darstellen lassen, mit Bildern, die
    sich von der klassischen Reportage unterscheiden, indem sie gängige Medienklischees vermeiden.


    Inszenierende Fotografie

    Parallel zur Inszenierung dokumentarischer Arbeitsweisen, wie etwa bei Rinke Dijkstra mit ihrer Serie über Wöchnerinnen und ihre Neugeborenen, entwickelten Künstler wie Cindy Sherman oder Thomas Demand einen reflexiven Umgang mit dem fotografischen Bild im Kontext der Massenmedien. Beide sprechen in ihren Bildern ein kollektives visuelles Gedächtnis an. Allerdings lassen sich Demands lebensgroße Rekonstruktionen aus Papier und Pappe auf vorgefundenes Bildmaterial zurückführen, während der Betrachter von Shermans ›Film Stills‹ zwar Standbilder aus ihm bekannten Filmen erkennen zu können glaubt, obwohl eine solche direkte Beziehung gar nicht existiert.
    Einen epochemachenden Einschnitt in die Produktion und Rezeption von Fotografie stellte Anfang der 1980er Jahre das Aufkommen digitaler Computertechnologien dar. Erneut wurde die Theorie der Fotografie als Analogon zum Mittelpunkt der Debatte über Fotografie. Wenngleich man sich bewusst war, dass die Herstellung von Fotografien von jeher mit zahlreichen, die Realität modifizierenden Eingriffen einher geht, äußerte man sich besonders im Journalismus besorgt über die neuen Möglichkeiten der politisch motivierten Manipulation fotografischer Bilder.
  • Exh_Title_S: Chronologische Einblicke in die Fotografische Sammlung – Zeitgenössische Fotografie seit den 1980er Jahren
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  • Exh_Comment_S (Verantw): Fotografische Sammlung
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Werke
Felina. 8 Wochen, a. d. Arbeit: 100 Jahre
Maria Victoria. 100 Jahre, a. d. Arbeit: 100 Jahre
Grain
Haus Nr. 11, I
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a. d. Serie: Berlin nach 1945
Julie, Den Haag, Netherlands, February 29, 1994
Saskia, Harderwijk, Netherlands, March 16, 1994
Raum