Museum Folkwang
  • Chronologische Einblicke in die Fotografische Sammlung – Kunstfotografie der Jahrhundertwende

  • Kunstfotografie

    Ende des 19. Jahrhunderts bestimmten zwei wichtige Faktoren die Entwicklung der Fotografie: Die stetig steigende Nachfrage nach fotografischen Bildern und die damit einhergehende Expansion des Gewerbes. Bisher war die Fotografie nur kleinen Kreisen der Gesellschaft zugänglich. Doch durch die Vereinfachung des Aufnahmeverfahrens und die Verbesserung der Kameratechnik erweiterte sich der Personenkreis derer, die mit der Fotografie ihren Lebensunterhalt verdienten. Mit der ›carte de visite‹ wurden erstmals fotografische Porträts als Massenware auch für breite Gesellschaftsschichten erschwinglich. Nicht mehr die Qualität einer Aufnahme, sondern die Quantität stand im Vordergrund. Gegen diese allgemeine Tendenz der Standardisierung und Kommerzialisierung in der Fotografie wandten sich international Gruppen von Amateurfotografen. Ihre Vorstellungen wurde unter dem Begriff Kunstfotografie oder Pictoralismus bekannt.


    Das Kleeblatt

    Heinrich Kühn gehörte zu den wichtigsten Persönlichkeiten der deutschsprachigen Kunstfotografenbewegung. 1887 schloss er sich in Wien mit Hugo Henneberg und Hans Watzek zu einer Künstlergemeinschaft zusammen, die sich das ›Kleeblatt‹ nannte. Sie tauschten untereinander ihre Erfahrungen aus, übten gegenseitig Kritik und organisierten gemeinsam Ausstellungen, um als Gruppe ihre Interessen gegenüber Ausstellern und Galeristen besser vertreten zu können. Ihr Ziel war es, die Fotografie als eigenständiges künstlerisches Medium zu etablieren und sie gegen den Vorwurf zu verteidigen, ein rein mechanisches und damit unkünstlerisches Bildmittel zu sein.
    Um größtmögliche gestalterische Einflussnahme auf den fotografischen Prozess ausüben zu können, bedienten sich die Kunstfotografen der sogenannten Edeldruckverfahren, zu denen auch Gummi- und Öldrucke zählen. Durch eine Vielzahl von Manipulationsmöglichkeiten konnte die Aufnahme soweit verändert werden, dass sie mit dem ursprünglichen Kamerabild nicht mehr viel gemein hatte. Die Arbeit am Positiv galt deshalb als der eigentlich schöpferische Akt, bei dem das Negativ lediglich den Ausgangspunkt markierte.
    Als Hans Watzek 1895 Heinrich Kühn mit dem Gummidruck bekannt machte, handelte es sich eigentlich um eine Wiederaufnahme des Verfahrens, das bereits in den 1850er Jahren in Frankreich bekannt war. Davon ausgehend entwickelten sie die Technik des mehrschichtigen Gummidrucks weiter.
    Die Wahl und Komposition des Motivs orientierte sich an dem Kunstgeschmack der Zeit. Man verließ die Ateliers, ging hinaus in die Natur oder fotografierte in privaten Interieurs.
    Die Fotografische Sammlung besitzt ein herausragendes Konvolut von 127 Werken Kühns, darunter der erste zweifache Gummidruck ›Porträt Emma Kühn‹, 1896 und ein dreifarbiger Gummidruck ›Die Wiese‹, 1898, ein Papiernegativ in der Größe von 73 x 55 cm, sowie fünf Abzüge Hennebergs und ein Abzug von Watzek.


    Hugo Erfurth

    Der aus Halle stammende Hugo Erfurth war eigentlich Berufsfotograf, arbeitete aber schon in jungen Jahren im Sinne der Kunstfotografen, die sich als begeisterte Amateure verstanden. Bekannt geworden ist Hugo Erfurth vor allem durch seine Porträts. Sein Atelier in Dresden war stets beliebter Treffpunkt für Künstler und andere Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Während es den Kunstfotografen in der Bildnisfotografie in erster Linie auf die künstlerische und bildmäßige Gestaltung ankam, hinter der das Individuelle des Menschen zurücktreten musste, versuchte Erfurth das Wesen der Persönlichkeit zu erfassen. An den aufwendigen Edeldruckverfahren hielt er noch in den 1920er Jahren fest, als sich bereits andere ästhetische Maßstäbe durchgesetzt hatten. In der Sammlung befinden sich 115 Werke.
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  • Exh_Comment_S (Verantw): Fotografische Sammlung
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Werke
Porträt Emma Kühn
Die Wiese
o.T. (Stilleben mit Obstschale)
Italienische Villa im Herbst
Villa Adriana
Alfred Flechtheim
Max Beckmann
Helene Erfurth