Museum Folkwang
  • Ernst Barlach: ›Der tote Tag‹, 1912
    Bildfolge von 27 Lithografien zu Ernst Barlachs Drama ›Der tote Tag‹

  • Ernst Barlach schrieb im Jahr 1910 unter dem Eindruck des Streits mit Rosa Schwab um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Nikolaus (*1904) das Drama ›Der tote Tag‹. Sein Thema ist der misslungene Versuch eines Sohnes, sich aus der Herrschaft der Mutter zu befreien.
    In mythischer Vorzeit lebt eine irdische Mutter allein mit ihrem Sohn, der einen Gott zum Vater hat und deshalb übernatürliche Fähigkeiten besitzt. So sieht der Sohn die Hausgeister ›Steißbart‹ und ›Besenbein‹, die für die Mutter unsichtbar bleiben. Um den Sohn von der Mutter zu befreien, schickt der Vater das fliegende Pferd ›Herzhorn‹, das jedoch von der Mutter erstochen wird. Der Sohn sucht es im Nebel, verirrt sich und wird von der Stimme der Mutter wieder heimgeführt. Doch er vermisst den Vater und ruft immer wieder nach ihm. Schließlich gesteht die Mutter, dass sie das Pferd getötet hat, und ersticht sich. Der Sohn folgt ihr in den Tod.
    Trotz der offenkundigen Nähe zur seiner damaligen Lebenssituation hat Barlach später Deutungen des Textes, die einen direkten Bezug zu seinem eigenen Leben herstellten, abgelehnt. Er wollte das Drama vielmehr verstanden wissen als »... so etwas wie eine Phantasie über unbefleckte Empfängnis, das heißt, geistige Abstammung im Gegensatz zur leiblichen.« Jedoch äußerte er sich gegenüber dem ihm befreundeten Friedrich Schult: »Die Mutter wollte den Knaben nicht hergeben. Auf diese Weise mußte ich früher oder später notwendig Gott für ihn werden. Das war der Anstoß. Unter den Händen wuchs die Idee von selber ins Mythische.«
    Zwei Jahre nach Vollendung des Textes erschien 1912 die Folge von 27 Lithografien als Einzelblätter mit Textband im Verlag von Paul Cassirer. In ihr finden sich sowohl Darstellungen, die in klarem Zusammenhang zu Szenen der literarischen Vorlage stehen, als auch solche, die Barlach zusätzlich hinzugefügt hat – so den dramatischen Moment, in dem die Mutter das Pferd ›Herzhorn‹ tötet (Blatt 13), ein Geschehen, von dem im Drama selbst nur indirekt die Rede ist. Die Selbsttötung des Sohnes wurde hingegen nicht illustriert – das letzte Blatt der Folge zeigt den Tod der Mutter.
    Die mit Kreide, Feder und Pinsel auf Zinkplatten gezeichneten Motive weisen eine bemerkenswerte formale Geschlossenheit auf und lassen in der kubischen Auffassung der Figuren den Bildhauer Barlach spüren.
  • Exh_Title_S: Ernst Barlach: ›Der tote Tag‹, 1912
    Bildfolge von 27 Lithografien zu Ernst Barlachs Drama ›Der tote Tag‹
  • Exh_Id: 100'540
  • Exh_Comment_S (Verantw): Grafische Sammlung
  • Exh_SpareNField01_N (Verantw ID): 186
Werke
Stehende Frau auf halber Kellertreppe
Träumender Jüngling
Das Paar im Gespräch
Der Seufzerstein
Die Wiege
Die Puppe
Hohe Unterweisung
Der Verletzte
Der Alb
Verzweifelter Alb
Kniende Mutter am Bette des schlafenden Sohns
Auf Mord bedacht
Die Mörderin
Besenbein auf dem toten Rosse Herzhorn
Der Blutflecken I
Der Blutflecken II
Die Frau am Herde
Mit fremder Schuld beladen
Die Schuldbewusste
Das Unsichtbare I
Das Unsichtbare II
Der Rufende
Ruf im Nebel
Erscheinung im Nebel
Aufbruch und Abwehr
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