Museum Folkwang
  • HAP Grieshaber. Grafische Serien

  • Der Mensch in seiner Existenz, seiner Würde, seinen Rechten – das sind die zentralen Themen, um die sich das Werk von HAP Grieshaber dreht. Die Unterdrückung, die er durch die Nationalsozialisten erfuhr, aber auch das Erleben von Krieg und Gefangenschaft ließen ihn zu einem Künstler werden, der mit seinem Werk immer wieder engagiert zu politischen und gesellschaftlichen Fragen Stellung bezog. Obwohl Grieshaber eine erstaunliche Bandbreite an künstlerischen Aktivitäten entfaltete und neben grafischen Einzelblättern und Mappenwerken auch Buchillustrationen, Gedenkblätter, Flugschriften und – nicht zuletzt – Plakate schuf, realisierte er den größten Teil dieser Werke im Holzschnitt.

    Das Museum Folkwang verfügt über einen reichen Bestand an Werken HAP Grieshabers. Einen Schwerpunkt der Sammlung bilden die Holzschnittserien, die in den 1960er Jahren entstanden und zu den wichtigsten Arbeiten in Grieshabers gesamtem Werk gehören. Die thematische Bandbreite dieser Serien, die in aller Regel kurz nach ihrer Entstehung für das Museum Folkwang erworben wurden, ist bemerkenswert: Neben Holzschnittfolgen, die musikalische Werke illustrieren, stehen solche, die politische oder gesellschaftliche Themen aufgreifen.

    In der Folge ›Die dunkle Welt der Tiere‹ (1959) stehen Mensch und Tier gleichberechtigt nebeneinander oder scheinen – wie im Falle der »Vogelmenschen« – miteinander zu neuen Wesen verwachsen zu sein. In ihren prägnanten, von geschwungenen Linien geprägten Umrissen und der sparsam eingesetzten Binnengliederung unterscheiden sich die fünf Blätter dieser bereits 1959 veröffentlichten Serie deutlich von den übrigen in der Ausstellung präsentierten Folgen Grieshabers, die in den 1960er Jahren entstanden sind. (Vgl. Inv.-Nr. A 75/60 und A 77/60)

    Grundlage der Serie ›Dem Feuervogel‹ (1961) ist das Ballett ›Feuervogel‹ von Igor Strawinsky, das 1910 in Paris uraufgeführt wurde. Fünfzig Jahre später entwarf Grieshaber das Bühnenbild und die Kostüme für eine Aufführung des Stücks an den Städtischen Bühnen Heidelberg. Aus dieser Beschäftigung mit dem Thema entstand 1961 die Folge von zehn Holzschnitten, wobei es sich entgegen dem ersten Augenschein um Drucke von nur jeweils einem Stock handelt, der unterschiedlich eingefärbt wurde. Die Darstellung orientiert sich an den Bühnenbildentwürfen. (Vgl. Inv.-Nr. B 2/62_01 und B 2/62_04)

    Das Grundthema der Serie ›Baumblüte‹ (1963) ist die Darstellung des Menschen im Einklang mit der Natur. Auf sechs Farbholzschnitten variiert Grieshaber die Darstellung einzelner Menschen oder Paare in der wiedererwachten Natur. Als verbindendes Element dienen weiße Baumblüten, die auf sämtlichen Blättern der Serie zu finden sind. Es ist von eigenem Reiz, dass Grieshaber die Darstellung dieses denkbar zarten Motivs auf vergleichsweise mechanische Weise realisiert hat: Er stanzte die Blütenformen mithilfe verschiedener zahnradähnlicher Werkstücke in die ansonsten bereits fertig geschnittenen Holzstöcke. (Vgl. Inv.-Nr. B 5/63_4 und B 5/63_5)

    »Einmal wollte Grieshaber sein heutiges Leben an der Achalm mit dem seiner frühen Kindheit in Oberschwaben verknüpfen, die Heimat mit seinen Augen wiedersehen und erfassen. Am Ostersonntag 1963 endlich packte er seinen Traum bei den Ohren: Er zog seine Islandstute Sweina aus dem Stall, sattelte sie, steckte Skizzenbuch, Rasierzeug und Zahnbürste in die Satteltaschen, winkte Frau und Kind zum Abschied und ritt davon« (Riccarda Gregor-Grieshaber). Ergebnis dieser Reise sind die 39 Holzschnitte des ›Osterritts‹ (1964), zu denen Riccarda Gregor-Grieshaber, die Frau des Künstlers, Texte nach den Erzählungen ihres Mannes schrieb. (Vgl. Inv.-Nr. B 4/64_08 und B 4/64_38)

    Grieshaber widmete die Folge ›The Lord's Black Nightingale gewidmet‹ (1964) der im Titel als »Gottes schwarze Nachtigall« umschriebenen Gospelsängerin Mahalia Jackson (1911–1972). Bereits darin wird die politische Ausrichtung dieser in der Zeit des US-amerikanischen Civil Rights Movement entstandenen Serie deutlich. Thema der Farbholzschnitte ist das Leben schwarzer Amerikaner in den Vereinigten Staaten, das Grieshaber in gedeckten, an Naturfarben orientierten Tönen schildert, beginnend mit der programmatischen Darstellung einer »black family«. (Vgl. Inv.-Nr. B 6/64_01 und B 6/64_02)

    In seinem 1937 komponierten Hauptwerk ›Carmina Burana‹ (Lieder aus Benediktbeuern) griff Carl Orff auf Texte mittelalterlicher Vagantenlieder zurück, die in einer um 1230 entstandenen Handschrift aus der Bibliothek des Klosters von Benediktbeuern überliefert sind. Diese Handschrift enthält einige Illustrationen, die Grieshaber vermutlich kannte und auf die er mit seinen Darstellungen zur ›Carmina Burana‹ (1965) teilweise reagierte. Eine Besonderheit der Serie liegt in der Kombination der 13 Farbholzschnitte mit Notenseiten, die Carl Orff eigens für diese Edition schuf. (Vgl. Inv.-Nr. B 5/65_05 und B 5/65_14)

    Grieshaber folgte hier dem Vorbild des 1805 zerstörten ›Totentanz der Stadt Basel‹, dessen Motive in einem Büchlein des 19. Jahrhunderts bildlich dokumentiert sind. Ohne Ansehen der Person bittet der Tod die Menschen zum Tanz – vom Papst zum Heiden, vom Kaiser zum Maler (worin Grieshaber sich selbst wiedererkannte). Grieshaber realisierte die Mehrfarbigkeit der Blätter zum ›Totentanz von Basel‹ (1966), indem er jede Farbe mit einer eigenen Platte drucken ließ. Die erste öffentliche Präsentation des ›Totentanzes‹ erfolgte im Juli 1966 zeitgleich in Leipzig – wo die Serie gedruckt wurde – und in Essen. (Vgl. Inv.-Nr. A 80/66_37 und A 80/66_40)

    Grundlage der Serie ›Polnischer Kreuzweg‹ (1967) war Grieshabers Auftrag zur Gestaltung eines Kreuzwegs für die Bruchsaler Hofkirche, die zwischen 1960 und 1966 nach ihrer vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut worden war. Grieshaber malte zunächst vierzehn Entwürfe für Bruchsal in den Maßen 70 x 80 Zentimeter und schuf nach dieser Vorlage die etwas kleineren Blätter der Holzschnittserie. In der Buchausgabe der Serie kombinierte Grieshaber die Holzschnitte mit Meditationen des damaligen Primas von Polen, Stefan Kardinal Wyszynski. (Vgl. Inv.-Nr. B 2/67_03 und B 2/67_11)

    Die Holzschnitte des ›Kreuzwegs der Versöhnung‹ (1969) stehen noch enger als die des ›Polnischen Kreuzwegs‹ mit Grieshabers Auftrag zur Gestaltung des Kreuzwegs für die Bruchsaler Hofkirche in Verbindung. Grieshaber entschied sich, diesen Kreuzweg in Form von Holzstocktafeln zu realisieren. Vor ihrer Installation als Wandreliefs druckte Grieshaber von diesen Tafeln eine kleine Auflage und veröffentlichte diese als Serie. Stilistisch unterscheiden sich die Folgen deutlich. (Vgl. Inv.-Nr. A 34/70 und A 48/70)

    Die Serien werden im Katalog zur Ausstellung ›HAP Grieshaber. Serien und Plakate‹ vollständig abgebildet.
  • Exh_Title_S: HAP Grieshaber. Grafische Serien
  • Exh_Id: 100'655
  • Exh_Comment_S (Verantw): Grafische Sammlung
  • Exh_SpareNField01_N (Verantw ID): 186
Werke
Die dunkle Welt der Tiere – Der Elefant
Die dunkle Welt der Tiere – Das Boot
Dem Feuervogel – Der Feuervogel
Dem Feuervogel – Köstschei (Zauberer)
Baumblüte – Das blaue Paar
Baumblüte – Die Frau mit dem Pfau
Osterritt - Der Ritt
Osterritt – Die Tochter
The Lord's black nightingale gewidmet – Black Family
The Lord's black nightingale gewidmet – Gospelsänger
Carmina Burana – O Fortuna (O Schicksalsgöttin)
Carmina Burana – Blanziflor et Helena (Blanziflor und Helena)
Totentanz von Basel – Der Bauer
Totentanz von Basel – Der Maler
Polnischer Kreuzweg – Erster Fall (III)
Polnischer Kreuzweg – Nagelung (XI)
Der Kreuzweg der Versöhnung. Erster Fall (III)
Der Kreuzweg der Versöhnung. Die Frauen (VIII)